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Der Brexit und die Machtfrage

Wer eine emotional verunsicherte Öffentlichkeit fragt, ob sie eine übersichtliche Insellösung der großen, vielstimmigen Gemeinschaft mit permanentem Kompromissbedarf vorzieht, darf sich nicht über das Ergebnis wundern. Dass sogar die nüchternen Briten für die eigene politische und ökonomische Verzwergung stimmen, nur um Unmut über „die da auf dem Kontinent“ auszudrücken, war so nicht sicher prognostizierbar. Aber man kann sich nun vorstellen, wozu andere nationale Öffentlichkeiten in der Lage wären.

Am Anfang dieser vor allem für die Briten gemeingefährlichen Entscheidung stand vor allem: politische Schwäche. Ein Premierminister, der seine Rolle auf Zeit damit zu retten versuchte, dass er „dem Volk“ eine große Schicksalsfrage mit einer Reichweite von Jahrzehnten vor die plebiszitären Füße legte. Das Brexit-Votum ist das Ergebnis einer großen Illusion nach dem Muster: Lasst die Leute Dampf ablassen bei einem lästigen Dauerärgernis, dann werden sie die wahre Macht nicht ernsthaft antasten.

Das Ergebnis zeigt: Die Schwäche eines repräsentativ gewählten Spitzenpolitikers bedroht weit mehr als seine Zukunft. Allensbach hat gerade analysiert, wie sehr das Verständnis der Deutschen für repräsentative gewählte Politiker geschrumpft ist. Während man früher Abgeordneten jenseits aller politischen Sympathie mehrheitlich besondere Fähigkeiten attestierte, wünschen sich immer mehr Wähler nur noch Politiker, die nach aktuellen Mehrheitsstimmungen entscheiden. Das Bewusstsein, Politiker mit einem eigenen Kopf gemäß ihrer politisch-ethischen Grundlinie im Interesse der Allgemeinheit entscheiden zu lassen, ist auch in Deutschland erodiert.

Der europaweite Populismustrend lebt nicht allein vom Thema Migration. Es ist nur die Bühne für verschwindendes Verständnis für repräsentative Demokratie mit selbst denkenden, respektablen, wertegebundenen Entscheidern in den Parlamenten. Ein Treiber der verschwindenden Achtung vor Politikern mag sicher die Medienwelt sein, die Politik messbar distanz- und respektloser begleitet als vor drei oder vier Jahrzehnten. Aber wie viel zerstörerischer wirken Politiker, die sich selbst nicht mehr die Rolle des repräsentativen Entscheiders zubilligen.

Wer Fragen zu Flughäfen oder Stromtrassen nicht am Allgemeininteresse bewertet und entscheidet, sondern sich in Demoskopie und Volksbefragungen flüchtet, rettet vielleicht für ein paar Monate sein Amt. Aber er sägt am Ast unserer Demokratie, politische Macht auf Zeit in die Hände denkender Wesen zu legen. Demokratie braucht außer Wählern auch Köpfe mit klaren Politikangeboten.

Die Konsequenz aus dem Scheitern des David Cameron kann es nicht sein, nach seinem Vorbild politische Führung zu scheuen. Wetterwendische Machtjongleure erarbeiten keinen Respekt für parlamentarische Demokratiearbeit, sondern vergrößern den Raum für die Krawallpopulisten. Die Schäden politischer Führungsverweigerung wären auch auf dem Kontinent enorm.

Politische Kommunikation 2016

Als vor einem Vierteljahrhundert die Grenzen zwischen den Blöcken in Europa fielen, sagten die skeptischen unter den weitsichtigen Beobachtern eine neue Phase der Unsicherheit in der internationalen Politik voraus. Im Trubel der Freude über die friedliche Revolution in immer mehr europäischen Ländern war das bestenfalls ein Störgefühl. Aber auch die Skeptiker unter den Skeptikern hätten sich kaum so einen Block an Verunsicherung vorstellen können, wie wir ihn nun erlebt haben:

Das G8-Partnerland Russland erobert Teile des EU-Assoziationspartners Ukraine. Die vertraglichen Verpflichtungen von EU-Partnerländern werden in Nullkommanix zum Spielball nächtlicher Feilschereien in Brüssel. Die heilige Grundregel einer unabhängigen, nur der Geldwertstabilität verpflichteten Europäischen Zentralbank implodiert in einem Billionen-schweren Aktionismuswirbel. Schließlich produziert eine religiös-militärische Eskalation im nahen Osten Flüchtlingszahlen, die nur von der Vertreibung in der Nachkriegszeit überboten wurden. Und Fanatiker bedrohen unser aller Leben explizit deshalb, weil wir es so leben, wie wir es leben.

Blitzschnell verändert hat sich aber nicht nur die internationale Politik. Unvorstellbar wäre vor 25 Jahren auch gewesen, dass ein offen schwuler CSU-Abgeordneter den Bund der Vertriebenen leitet. Oder dass an immer mehr Tagen im Jahr der Wind der wichtigste Stromerzeuger ist. Dass der Kaiser mit Korruption in Verbindung gebracht wird und Pornos immer und überall verfügbar sind, während Raucher an den Rand der Gesellschaft und der Bürogebäude gedrängt werden.

Für die Politik bedeutet diese Veränderungsgeschwindigkeit eine neue Qualität von Herausforderung. Eine Kernaufgabe politischer Führung ist es stets, Orientierung zu stiften. Sie muss gerade in einer repräsentativen Demokratie den Eindruck vermitteln, als wüsste sie, was zu tun ist und als wäre jede Entscheidung abgeleitet aus einem breiten Wertekonsens.

Nun fehlt politischen Entscheidern oft – darauf hat etwa Helmut Schmidt immer wieder hingewiesen – das erforderliche umfassende Wissen, um in schwierigen Situationen objektiv richtig zu entscheiden. Das mag man bedauern, aber es ist nicht zu ändern. Nun aber wächst genau dieses Problem: Die – durch eine historische Brille betrachtet – blitzschnellen Veränderungen etwa religiöser und sexueller Werte verbauen der Politik die klare Bezugnahme zu jedem Wertekonsens. Bevölkerungsteile außerhalb der urban-ökologischen, akademisch dominierten Toleranz-Szene fühlen sich abgehängt von der aktuellen politischen Entscheider-Elite. Zugleich erschweren in der internationalen Politik die „failed states“ in Afrika, militärisch aggressive Regionalmächte in wechselnden Bündnissen sowie gewaltbereite und religiös fanatisierte Gesellschaftsteile mehr und mehr Prognosen, wie welcher Akteur in welchem Konflikt auf welche Situation reagieren wird.

In einer derart verunsichernden Unordnung bleibt nur die Kommunikation von Köpfen als Vertrauensanker für repräsentative Macht. Je weniger Bindungskraft von „organisierten Werten“ in Kirchen, Parteien und Medien ausgeht, desto größer wird die Last, die das Vertrauen in Führungspersonen schultern muss. Je unberechenbarer dem Wahlbürger die politische Welt erscheint, desto mehr ist er angewiesen auf das gute Gefühl, dass „die da oben“ schon ungefähr wissen, was sie tun.

2016 wird sich zeigen, wohin uns dieses Bedürfnis nach Vertrauensprojektion führt. Zahlt sich die entschlossene unideologische Linie für das Nüchternheits-Duo Merkel-Steinmeier aus, auch wenn oder gerade weil es sich weiter jedes Heilsversprechens durch politische Befreiungsschläge enthält? Oder finden sich Populisten, die diese für ihre Fähigkeiten ideale Ausgangslage zu nutzen verstehen?

Peer Steinbrück sitzt in der Positionierungsfalle

Über Parallelen zwischen Spitzenkandidaten und Top-Managern.

Die Umfrageergebnisse der SPD sind miserabel. „Es ist mir auch bewusst, dass ich maßgeblich dafür eine gewisse Mitverantwortung trage“, sagte Peer Steinbrück kryptisch am Wahlabend in Niedersachsen. Aber weiß er es wirklich? Hat Steinbrück endlich eine konsequente Positionierung als Kanzlerkandidat entwickelt? Das heißt: Kann er die gewonnene Beinfreiheit ausfüllen, ohne den „kleinen Mann“ weiter zu brüskieren und den Medien voyeuristisches Futter zu geben? Dafür erhält er nach der Niedersachsen-Wahl nun eine zweite Chance.

Top-Manager haben ähnliche Probleme
Das Dilemma des Peer Steinbrück gilt aber nicht nur in der Politik. Auch für Spitzenmanager aus der Wirtschaft ist die eigene Positionierung ein schwieriges Thema und der Umgang mit einer immer kritischeren Öffentlichkeit und hypersensiblen Medien keine Fingerübung. So müssen CEOs gegenüber verschiedenen internen und externen Anspruchsgruppen ihre unternehmerische Agenda durchsetzen und gleichzeitig langfristige Reputation aufbauen. Und das gerade mit den eigenen „Ecken und Kanten“.

Für Spitzenmanager in der Wirtschaft und ihre zentralen Kommunikationsrollen gilt daher folgendes Pflichtenheft:

Authentisch bleiben und die Wahrheit sagen
Jeder spielt eine Rolle, ob beruflich oder privat. Dennoch sollte nicht versucht werden jemand zu sein, der man nicht ist. Die Rolle des Spitzenmanagers leitet sich aus den Unternehmenszielen ab. Ob Treiber einer Branche, Sanierer oder Visionär – entscheidend ist der Kurs und das Wohl des Unternehmens. Erst dann kommen persönliche Merkmale und Eigenschaften, die unterstützen und eine sympathische persönliche Note geben können. Für Steinbrück gilt nun auch, was für seine Vorgänger selbstverständlich war: erst kommt die Partei, dann der Kandidat.

Inhalte definieren
Auf Basis der unternehmerischen Agenda gilt es ein „persönliches Programm“ für öffentliche und interne Auftritte zu definieren. Diese Storyline braucht Kernbotschaften, Metaphern und Schlüsselbegriffe, die wiedererkennbar sind. Denn an „Yes we can!“ von Barak Obama erinnert sich jeder.

Meilensteine nutzen
Jeder erfolgreiche Baustein der Unternehmensstrategie sollte als Kommunikationsanlass zur Umsetzung der eigenen Agenda genutzt werden. Ob im großen Stil und mitreißender Rede oder im vertrauten Gespräch mit Mitarbeitern. Voraussetzung ist eine gewisse Empathie und die Fähigkeit, anderen die Chance zum Gespräch auf Augenhöhe zu geben. Wer Peer Steinbrück im Wahlkampf schon einmal im Umgang mit Kindern und älteren Menschen beobachtet hat bekommt eine Ahnung, wie schwer das sein kann.

Führung und Kultur gestalten
Die Führungskultur und das Miteinander im Unternehmen bleiben durch soziale Netzwerke und negative Empfehlungen nicht lange hinter verschlossenen Türen. Das Top-Management hat hier zwar brutale Vorbildfunktion, es müssen aber alle Prozesse und Mitarbeiter eingebunden werden. Daher kann sich der Kandidat Steinbrück auch keine weiteren Patzer bei der Besetzung seines Beraterkreises leisten. Jede Entscheidung zählt – ob im Top-Management oder auf dem Weg ins Kanzleramt.

Klar ist: Ob Spitzenmanager offensiv öffentliche Auftritte suchen sollten, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Entscheidend ist die eigene Kommunikationsagenda. Sie gibt Orientierung und unterstützt, unternehmerische Handlungsspielräume zu gestalten.

Und Peer Steinbrück? Er möchte nach der gewonnenen Wahl in Niedersachsen besonnener auftreten. Weniger ICH, mehr tatsächlicher Inhalt, mehr SPD soll es nun sein. Das ist auch notwendig. Ob er es kann und ob er professionell beraten wird, zeigt sich aber erst beim nächsten Wahl-Krimi am Abend des 22. September.

Keynote Medientage: Die Zukunft der Werbung liegt im Netz

Das Thema dieses Jahr lautet: „Mobile, Local, Social – Dreiklang der vernetzten Gesellschaft“. Ein gutes Thema, finde ich, denn die „Internetisierung“ unseres Lebens ist tatsächlich der gesellschaftliche Megatrend, der unser Leben verändert.

Das fängt bei der Liebe an: Jeder zweite Single sucht heute seinen Partner im Netz, von fünf Paaren findet eines dort zusammen; und genauso viele lassen sich – sagt man – durch eine auf Facebook aufgedeckte Affäre wieder scheiden.
Das geht bei der Politik weiter: Die nordafrikanischen Revolutionen wären ohne die modernen Kommunikations- und Organisationsformen im Netz so nicht vorstellbar gewesen. In Ägypten haben sich 94 Prozent der Bevölkerung auf soziale Medien verlassen. 85 Prozent sind den privaten, unabhängigen Medien gefolgt. Und nur 40 Prozent haben dem Staatsfernsehen geglaubt.
Und es hört bei den Märkten auf: Die Musikindustrie wurde auf den Kopf gestellt, in der Buchindustrie verkauft Amazon in den USA auf 100 Bücher bereits 105 eBooks. Und am Ende wird sich auch die Filmindustrie sich grundlegend ändern.

Daraus ergibt sich mein Thema: Wie sieht die Zukunft der Kommunikation aus?

Schauen wir uns zunächst die Gegenwart an: Weiterlesen

Bundestag zum Mitreden – eine neue Dimension in der Kommunikation des Parlaments?

Schon kommerzielle Werbetreibende stehen immer wieder vor der Frage: Welcher Kanal erreicht heute junge Zielgruppen? Wirklich nur noch online, mobile und wenige TV-Formate? Umso schwerer hat es die Politik. Denn sie kommuniziert vor allem über öffentlich-rechtliches TV und TZ – für junge Zielgruppen bleibt sie damit unsichtbar. Entsprechend gering ist die Wahlbeteiligung bei Erst- und Jungwählern. Das Verfolgen einer Bundestagsdebatte etwa bei Phönix ist für junge Menschen etwa so attraktiv wie Sozialkunde und Bauchschmerzen. Ritualisierte Politik und Jugendkultur passen heute schlechter zusammen denn je. Weiterlesen