„Lauft nicht den Startups hinterher, sondern macht erst mal den eigenen Laden fit“

Oliver Grüttemeier, Geschäftsführer von Serviceplan Köln, spricht im Interview mit „Industry of Things“ darüber wie Marken dazu beitragen können Mitarbeitern Orientierung zu geben und warum Unternehmen nur mit den richtigen Zielen und Werten am Markt bestehen können.

Content Marketing + Marketing Automation = ROI

Zurück in die Zukunft

Wenn wir Content Marketing hören, denken wir gerne an den Stratosphären-Sprung von Red Bull, an den Gourmet-Guide von Michelin oder an das Heimwerker-Magazin von John Deere. Doch wirken diese hervorragenden und alles überstrahlenden Beispiele guter Kommunikation nicht schon recht abstrakt in unserer heutigen Marketing-Wirklichkeit, die von knappen Budgets, Performance-Zielen und Technologie geprägt wird? Können wir diese Erfolge unter unseren alltäglichen Bedingungen replizieren? Wohl kaum, deswegen müssen wir das Content Marketing neu definieren, wenn es denn jemals eine Definition dafür gab.

Das Content Marketing von heute

Das Content Marketing ist eine Klammerdisziplin für eine Vielzahl, nicht immer trennscharf voneinander abgegrenzter Marketing-Spezialdisziplinen. Content Marketing betrifft Kreative, Redakteure und Texter, Performance- und E-Mail-Marketer, Vertriebler, Entwickler und darüber hinaus noch viele weitere Gewerke. Jedes dieser Gewerke interpretiert das Content Marketing auf seine Weise, doch auf folgende Grundsätze einigen sich alle Beteiligten:

  • Content Marketing soll einen Return on Invest erzielen.
  • Im Content Marketing steht der Nutzer im Zentrum, da seine finale Transaktion den Return on Invest erzielt.
  • Mit Hilfe des Content Marketings werden deshalb Nutzer aktiviert und zur Interaktion mit dem Absender motiviert, um perspektivisch zu Kunden und Multiplikatoren des Absenders zu konvertieren.
  • Im Content Marketing werden deshalb werthaltige und auf den Nutzer zugeschnittene Inhalte produziert, um sie zum passendsten Zeitpunkt auf dem konversionsstärksten Distributionskanal an ihn auszuspielen.

Content Marketing ist also zuallererst ein strategischer Ansatz zur Erreichung von Unternehmenszielen. Unternehmer planen, prognostizieren, validieren, optimieren und wollen skalieren. Genau hier kommt die Marketing Automation ins Spiel, denn sie kann all das und vieles mehr.

Die Marketing Automation: das Schweizer Taschenmesser

Eine Marketing Automation Plattform ist ein verschiedene Einzellösungen integrierender Werkzeugkasten: Hier finden Asset Management (die Sammlung aller im Marketing-Prozess benötigten Content-Assets), Distributionsmanagement (die Steuerung der Distributionskanäle wie SEO, Content, E-Mail, Social, Paid und Mobile), Datenmanagement (die Aggregation von kontinuierlich erzeugten Nutzerdaten) sowie Analytics (die kanalübergreifende Auswertung aller aggregierten Daten auf Nutzerebene) in einer einheitlichen Arbeitsumgebung zusammen. Je nach Ausbaustufe kommen noch Content-Management-Systeme oder Testing Suites hinzu. Entscheidend dabei ist, dass die aggregierten Daten das individuelle Nutzerverhalten beschreiben und uns so Auskunft geben, wie wir das jeweilige, aktuelle Informationsbedürfnis des Nutzers bestmöglich befriedigen können.

Personalisierung „to the scale“

Entsprechend unserer eingangs formulierten Grundsätze ist das Content Marketing ein vertrieblich orientierter Kommunikationsprozess, in dem der individuelle Content die Währung darstellt. Da der individuelle Nutzer im Zentrum dieses Prozesses steht, lebt das Content Marketing von personalisierten Inhalten. Egal ob der Nutzer in einer E-Mail mit dem Namen angesprochen wird oder sich die Website mittels dynamischem Content dem individuellen Bedürfnis des Besuchers anpasst: Die Personalisierung des Contents ist maßgeblich für den Erfolg der Maßnahme. Der aus diesem Anspruch resultierende Aufwand lässt sich nur durch den Einsatz automatisierbarer Umgebungen realisieren.

ROI driven Content Marketing

Mit den Möglichkeiten skalierbarer Content-Architekturen sowie der holistischen Analyse des digitalen Fußabdrucks des individuellen Nutzers kann in Zukunft der vertriebliche Prozess in der frühesten Phase der Customer’s Journey starten – nämlich dann, wenn der Nutzer das erste Mal seine individuelle Herausforderung kommuniziert und wir die passende Lösung bereithalten. Aus dem Verkäufer wird ein Partner. Ein Unternehmen, das mit seinen Content-Marketing-Bemühungen einen Return on Invest erzielen will, muss zukünftig
drei häufig als Silos agierende Bereiche zusammenführen: Kommunikation, Vertrieb und IT. Tut es das, dann ist langfristig unternehmerischer Erfolg sichergestellt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei onetoone.de.

Sieben soziale und ökonomische Trends in China

Am 27. Juni 2017 habe ich bei der „International Roadshow 2017: China Insights“ in München vor deutschen Unternehmen eine Rede mit der Überschrift „The Future is Now“ („Die Zukunft findet heute statt“) gehalten. Ich habe über die derzeitigen sozialen und ökonomischen Ereignisse in China gesprochen, die die Zukunft beeinflussen: Konsumsteigerung, Sharing Economy, Live-Streaming und bargeldlose Lebensweise. Gleichzeitig habe ich einige der dahinterstehenden Geschäfts- und Vermarktungspotenziale vorgestellt.

Steigern Sie die Kaufbereitschaft Ihrer Kunden

Es ist nun mal so: Der vollkommene Markt ist nur noch einen Klick entfernt. Wo Ihr Kunde das neue Jersey, die neonfarbene Sportsocke oder die urbane Funktionsjacke kauft, ist ihm herzlich egal.

So klar uns das ist, so sehr liefern wir uns dennoch stetig den Gravitationskräften maximaler Vergleichbarkeit aus. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihren tollen Beziehungen zu Ihren Kunden, die alles heilen. Amazon verbringt ein Vielfaches an Zeit mit Ihrem Kunden. Oder eBay. Oder Facebook. Und ja, ja, Ihre Berater auf der Fläche sind echte Sportler. Die kennen sich aus, die haben’s drauf. Wenn Sie wirklich beraten und nicht nur verkaufen.

Hand aufs Herz: Am Ende sind Sie wahrscheinlich ein bisschen so wie Ihr Wettbewerb.

Jetzt könnten Sie viel Geld in die Hand nehmen und das tun, was wirklich erfolgreiche Retailer tun: Kampagnen machen. Ihrer Marke eine Seele geben. „Erst mal zu Penny.“ „Yippeeyayayippeeyippeeyeah.“ „Wir lieben Lebensmittel.“ „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“ Damit würden Sie mehr als ein Ort irgendwo offline oder online, bei dem es (Ihre) Sportartikel gibt. Man würde Sie sogar lieben.

Aber das ist teuer, dauert und so lange können weder Sie noch wir warten. Die gute Nachricht ist, dass es zwischen verhängnisvoll illoyaler Suchmaschine und teurer Liebesbeziehung einen Plan für Ihre Marke gibt.

Da, wo Ihre Kunden Antworten und nicht nur Preise suchen. Wo es wichtig ist, was ein Produkt kann und was nicht. Und wie gut es ihnen jemand erklärt, steigert die Bereitschaft zum Kauf dramatisch. Wer im richtigen Moment relevant ist, steigert die Bereitschaft zum Kauf dramatisch.

Sie ahnen es: Es geht um Content. Aber nicht um ein paar Versuche, die dann im digitalen Nirgendwo verschwinden. Sondern Content, der auf klare KPIs hin erstellt, optimiert und auf Conversion getrimmt wird. In Ihrem Falle vor allem klug gemachtes, informatives, glaubwürdiges Bewegtbild, das den Menschen an der richtigen Stelle seiner Journey begegnet.

Und dann:

  • Definieren Sie Kunden-Profile und erkennen Sie die wahren Bedürfnisse dieser Kundentypen. Es ist ein großer Unterschied zwischen denen, die schlanker werden wollen, und denen, die andere oder sich selbst besiegen wollen.
  • Bearbeiten Sie diese Cluster mit einem initialen Set an Botschaften. Fahren Sie mehrere Kampagnen gleichzeitig. Zum Beispiel bei Facebook. Diese Kampagnen können sehr unterschiedlich sein.
  • Lassen Sie sich nicht mit schlechter Conversion abspeisen, sondern lassen Sie optimieren, bis Ihre Ziele erreicht sind.
  • Trennen Sie nicht zwischen Erstellung, Optimierung und Auslieferung von Content. Lassen Sie sich das aus einer Hand anbieten, weil die Übergänge fließend sind und weil weder Kreativität noch mediale Intelligenz alleine ideale Ergebnisse erzielen. Schon gar nicht in fast Echtzeit.

Handeln Sie!

Dieser Beitrag erschien zuerst bei SAZsport.

Hurra, wir leben noch – 3 Dinge, die wir von Air Berlins Krisen-PR lernen können

Air Berlin ist auf dem Sinkflug. Auf dem Weg, als eine Art Slums der Lüfte wahrgenommen zu werden. Europas siebtgrößte Fluglinie strich beispielsweise alleine am 1. Juni dieses Jahres 44 Flüge. Einfach so, weil entweder keine Crew oder kein geeignetes Fluggerät am Abflugort verfügbar war. Manche Gäste wurden informiert, manche nicht. Wieder andere bekamen völlig widersprüchliche Auskünfte. Einige Gäste bekamen Verpflegungsgutscheine. Nur konnten diese oft nicht eingelöst werden, weil die Shops im Flughafen bereits geschlossen hatten. An Bord gab es Getränke nur gegen Cash. Kommentar der Flugbegleiter: „Beschweren Sie sich im Internet.“ In Passagierforen wird diskutiert, ob man Air Berlin überhaupt noch buchen könne.

Die Krisen-PR der angeschlagenen Airline ist hochinteressant. Air Berlin geht mit dem Chaos offensiv um und erklärt in ganzseitigen Tageszeitungsanzeigen, was die Fluglinie tut, um zuverlässiger zu werden. Die Airline habe etwa kurzfristig 700 neue Flugbegleiter eingestellt. „Erwarten Sie ab sofort ruhig mehr von uns (und nein, wir meinen nicht mehr Wartezeit)“ heißt es in einer aktuellen Kampagne. Ich finde es sympathisch, dass die Fluglinie ihre Qualitätsprobleme anspricht, auf Floskeln wie „wir entschuldigen uns und danken für Ihr Verständnis“ verzichtet. Und sich stattdessen selbstironisch gibt. Das beweist Mut, Haltung und Respekt gegenüber den Fluggästen. Deren Verständnis wird von Air Berlin nicht automatisch vorausgesetzt. Soviel Empathie sind wir von Mobilitätsanbietern nicht gewohnt.

Strategisch schlau finde ich den Subtext der Anzeigenkampagne: Er suggeriert, die Fluggesellschaft habe eine Zukunftsperspektive. Geschickt lenkt Air Berlin die Wahrnehmung auf das Thema Pünktlichkeit und vermittelt, wieder auf Flughöhe zu sein. Für ein Unternehmen, das auf einem Schuldenberg von über einer Milliarde Euro sitzt, dessen Zukunft ungeklärt ist und das wiederholt nicht in der Lage war, seinen Flugplan ordnungsgemäß zu bedienen, ist dies ein wichtiges Etappenziel. Wer kurzfristig 700 Mitarbeiter auf einen Schlag einstellt, wirkt zukunftsorientiert. Dass die neuen Mitarbeiter via Youtube eingeladen in Massencastings rekrutiert wurden, spielt eine Nebenrolle. Einstellungskriterien waren eine Körpergröße von mindestens 160 cm, keine sichtbaren Tattoos, der Besitz eines Reisepasses und die Fähigkeit zu schwimmen. Eine Tageszeitungsjournalistin berichtet über ein Casting in einem Berliner Hotel, es sei jeder Bewerber eingestellt worden. Und zitiert einen Teilnehmer: „Man muss sehr dämlich sein, um hier nicht genommen zu werden“.

Ganz alleine auf hastig eingestelltes Personal und die Kraft der guten Worte vertraut Air Berlin nicht. Die Fluglinie vermarktet Aktionstickets in die USA sowie die Karibik zum Schnäppchenpreis von 399 Euro. Für Hin- und Rückflug wohlgemerkt. Die Flugzeuge sind sehr gut gebucht. Dies zeigt: Die Krisen-PR der Fluglinie wirkt. Jedenfalls gab es Versuche zur Bewältigung einer akuten Krise, die wirkungsloser waren. Die Krisen-PR von Air Berlin zeigt aber auch, was Krisenkommunikation leisten kann und was nicht: Denn der Kern des Air Berlin-Problems bleibt weiter ungelöst. Niemand weiß, ob das Unternehmen, das täglich (!) drei Millionen Euro Verlust macht, Urlaubsflieger, Billigflieger oder Langstreckenspezialist ist. Ob es eine gute Idee ist, jetzt auf den erbittert umkämpften Markt Langstreckenflüge in die USA zu setzen, wird sich zeigen. Die Krisenkommunikation von Air Berlin kann die grundsätzlichen strategischen Fragen nicht erklären. Sie ist aber eine gut gemachte Ablenkung, ein wirksames Placebo.

Dieser Beitrag wurde auch bei W&V veröffentlicht.

Was bedeutet kreativ?

Was kreativ bedeutet?
Was für eine Frage.
Am besten, man ist es, ohne lang darüber zu quasseln.
Aber gut, drücken gilt hier nicht.
Also:

Kreativ bedeutet neu, unvorhersehbar, unberechenbar.
Schlaumeierisch gesagt: Kreativ sein ist ein Paradox. Die sinnvolle Kombination von Dingen, die nicht zusammengehören.
Dann macht es „Klick“ im Kopf.

Das Wort „sinnvoll“ ist hier wichtig. Gedanken, Gefühle, Formen wahllos miteinander zu kombinieren endet in der Regel im Irrsinn. Kreative Kombinationen dagegen müssen Sinn machen. Am besten erst im Kopf des Konsumenten. Wenn der Konsument den letzten Schritt einer Gedankenkette selbst tun, wenn er die letzte Bedeutung eines Filmes, eines Bildes selbst entschlüsseln kann, dann, liebe Testinstitute da draußen, ist die Wirkung viel stärker, als wenn man alles vorgekaut bekommt.

Konsument ist übrigens ein Wort, das ich nicht so gern benutze. Natürlich geht es bei Werbung letztlich ums Verkaufen. Doch je mehr Botschaften auf uns „Konsumenten“ heute einprasseln, desto mehr setzen sich nur die relevanten durch. Das kann das vielzitierte richtige Angebot zur richtigen Zeit im richtigen Medium sein. Stichwort Programmatic. Entscheidend aber ist: Je besser die Botschaft inszeniert ist, desto stärker – again – die Wirkung. Ich halte es daher mit seiner Heiligkeit Sir John Hegarty und spreche lieber von Publikum als von Konsumenten. Einem Konsumenten will man etwas verkaufen. Sein Publikum will man unterhalten. Das Schöne ist, gut unterhalten kauft man mehr, als nur gut informiert. Nicht umsonst heißt es „Kauflaune“.

Was ist gute Unterhaltung bei guter Kreation? Viel mehr als Entertainment. Ein neuer, anregender Gedanke etwa. Ein neue Perspektive auf das Leben, bei der man sich denkt: Wow, so habe ich das noch gar nicht gesehen. So bleibt etwas in Erinnerung, so erzählt man es gern weiter.

Gute Kreation lebt von starken Gefühlen. Von Begeisterung, Rührung, Erschütterung, Beschwingtheit, von Witz, von allem, was einen bewegt. Langweilig aufgezählte Information? Bewegt mich nicht. Mich bewegen gute Geschichten mit einem überraschenden Ende. Menschliche Geschichten, die meine Vorurteile und Denkschubladen erschüttern. Die eine eigene Dynamik entwickeln, aber nie zum Selbstzweck werden, sondern im Dienst der Marke stehen. Sagt sich einfach, ist aber sauschwer, täglich umzusetzen.

Kreativ bedeutet insofern natürlich auch unnachgiebig, ausdauernd, zäh. Wie heißt es so schön? Ein guter Kreativer unterscheidet sich von einem schlechten nicht durch seine Ideen, sondern dadurch, dass er nicht so schnell aufgibt.

PS.: Ich bin übrigens ziemlich stolz darauf, in diesem Text kein einziges Mal die momentanen Buzzwords „Disruptive“, „Diversity“ und „Digital Transformation“ benutzt zu haben. Aber bei Bedarf, liebes Publikum, einfach oben an geeigneter Stelle gedanklich einfügen, schon macht es „Klick“ im Kopf. 😉

Dieser Beitrag erschien zuerst bei W&V.

Die Zukunft ist jetzt

Neulich habe ich unseren Finanzchef Jørg im Aufzug getroffen. Er hob eine Braue, als er mich mit ein paar Paketen von Taobao in den Händen dastehen sah, und fragte sarkastisch: „Was hast du denn jetzt schon wieder gekauft?“ Peinlicherweise konnte ich die Frage nicht beantworten, weil ich es schon wieder vergessen hatte.

Jeden Abend vor dem Einschlafen klicke ich mich zur Entspannung durch Taobao oder JingDong … und finde immer etwas Inspirierendes oder Interessantes, was ich ausprobieren möchte. Das Frauenprivileg des „Window-Shopping” hat sich zum „Pad-Shopping“ gewandelt. Ein Tag, ohne ein paar Kleinigkeiten zu kaufen, verursacht bei mir Schuldgefühle. „Es ist schon fast so wie das Schuldgefühl, nichts zur Gesellschaft beizutragen“, erklärte ich Jørg. Tatsächlich ist Online-Shopping für Chinesen zum Ritual geworden. Es geht um kaufen, kaufen, kaufen, nicht aber darum, was gekauft wird!

Verglichen mit meinen deutschen Kollegen, die ziemlich reduziert und bodenständig leben, sind unsere chinesischen Kollegen unbeständiger und abenteuerlustiger. Die Kosten, etwas Neues auszuprobieren, sind so gering, dass wir leicht „Warum nicht?“ sagen, um dann Risiken und Ungewissheiten in Möglichkeiten zu verwandeln.

Da das Land weder eine ruhmreiche industrielle Vergangenheit noch eine erfolgreiche Geschichte in Bezug auf moderne Wirtschaftsentwicklung vor der Öffnung vorzuweisen hat, können die Chinesen „mit leichtem Gepäck reisen“, einfach ins Ungewisse springen und nach Herzenslust herumprobieren. Deswegen ist Taobao beliebter als Amazon, WeChat beliebter als WhatsApp und Didi beliebter als Uber. Ein Land, das noch nicht einmal über ein richtiges Kreditsystem verfügt, ist jetzt in der Lage, das weltweit beste Online-Bezahlungssystem zu entwickeln, und sorgt dafür, dass bargeldloses Zahlen selbst in die abgelegensten Gebiete Chinas vordringt. Hausierer und Omas gleichermaßen profitieren jetzt davon.

Wir Chinesen lernen schnell und ändern uns schnell. Für ein Land, das auch „Volksrepublik der Veränderung“ genannt wird, ist die Veränderung das einzig Unveränderliche, und die Veränderung hat uns still und heimlich in die nächste „Zukunft“ geführt.

Diese „Zukunft“ findet jetzt in China statt!

Vera Yu wird auf der International Roadshow: China Insights, 27.06.2017, zeigen, wie die Chinesen ihr Leben mit mehr verfügbarem Einkommen aufwerten und wie die zukünftige Art zu leben und zu wirtschaften ein ganz neues Vermarktungspotential mobilisiert.

Gibt es eigentlich so etwas wie den digitalen Handel?

Halt, bitte noch nicht umblättern, auch wenn Sie zu wissen glauben, was der Begriff „digitaler Handel“ bedeutet – wahrscheinlich ist es nicht das, was Sie denken. Er ist sicher mehr als ein Point-of-Sales-Poster durch einen Screen auszutauschen. Und ganz sicher übersteigt er die Ansammlung von verfügbaren Technologien, die den digitalen Handel überhaupt ermöglichen. Warum? Weil digitaler Handel am Ende immer noch „Handel“ ist, ein physischer Raum, in dem tatsächliche Kundeninteraktion stattfindet.

Digitaler Handel bedeutet ein verbessertes Kundenerlebnis in der Verkaufsstelle. Das kann beispielsweise in Form einer aktuell sehr populären Virtual Reality Erfahrung stattfinden, es kann durch Gamification geboten werden, es kann auch ein Online-Kauf im Offline-Shop sein oder ein buchstäblich begehbarer Online-Store. Schauen wir uns diese Beispiele im Detail an.

Virtual, Augmented oder Mixed Reality ist der Trend und kann verwendet werden, um zukünftige Kollektionen vorzustellen. Im Geschäft kann die Technologie für virtuelle Anproben genutzt werden – sei es, um unterschiedliche Farbpaletten und Texturen vorzustellen oder sogar Lichtsituationen zu simulieren, um herauszufinden, ob das Shirt sowohl bei Sonnenschein draußen oder auch in einer Bar bei künstlicher Beleuchtung gut aussieht.

Der immer anspruchsvoller werdenden Kundschaft kann nun eine Art „Erlebnis-Harmonie“ geboten werden durch das sogenannte weShop* Konzept – einem intelligenten Verkaufsraum, der die virtuelle und reale Welt des Point of Sale in sich vereint. Kunden können im Geschäft auf sie zugeschnittene POS-Services in Form eines integrierten digitale Ökosystems genießen. Mit Hilfe von Beacon-Technologie werden personalisierte Dienste aktiviert und Produkte anhand RFID-Tags identifiziert, um diese auf interaktiven Spiegeldisplays darzustellen und mithilfe verbundener digitaler Systemen eine nahtlose Kaufabwicklung zu ermöglichen.

Sehen wir uns das mal am Beispiel eines realen Kunden – Ahmed – an. Ahmed spaziert an einem seiner Lieblingsläden vorbei, in diesem Moment wird er auf ein digitales Shop-Fenster aufmerksam, das ihm die aktuelle Kollektion mit bereits vorselektierten Artikeln zeigt, basierend auf seinem Käuferprofil. Ein Navigationssystem führt ihn direkt zum passenden Aufsteller und ein dort montiertes Tablet zeigt ihm die verschiedenen Farben und Styles. Der Spiegel in der Umkleide kennt seine vorangegangenen Käufe, zeigt ihm ähnliche Artikel und schlägt ihm auf Wunsch passende Kombinationen mit anderen Artikeln vor, während er Accessoire Tipps von seinem persönlichen Styleberater bekommt. Wenn ein oder mehrere Artikel, die er sich ausgesucht hat, im Laden nicht vorrätig sind, informiert ihn sein Kundenservice-Berater, wo dieser auf Lager ist und schlägt ihm eine Lieferung zu Ahmeds Appartement vor. Über ein mobiles Bezahlsystem wie Google Wallet, Samsung Pay oder Apple Pay wird seine Transaktion bargeldlos abgewickelt, und er sammelt dadurch unmittelbar Treuepunkte.

Gamification kann auch auf spielerischem Weg zu Kundenbindung führen. Verwendet man bekannte Spielelemente und –mechaniken wie Punkte, Belohnungen, Ränge, Wettkämpfe und andere unkonventionelle Anreize kann dies ein subtiler Weg zur Kundenaktivierung sein, der auch Spaß macht. Dass dieser Ansatz funktioniert, beweist uns der Erfolg von Spielen wie Candy Crush und Pokemon Go.

Bei richtiger Anwendung kann er verkaufsfördernd sein und Cross-Selling ermöglichen. Gamification im Handel basiert auf der Überzeugung, dass sogar der kleinste Anreiz Menschen dazu bringt, sich um etwas zu bemühen, das sie sonst von vornherein abgelehnt hätten. Wie zum Beispiel Nike+ Fuel und die Idee, dass höhere Ränge, bessere Trophäen und Abzeichen erreicht werden können, je mehr man schwitzt, nur um damit wiederum auf Social Media anzugeben.

Wenn wir an Filialen denken kann das Konzept der Gamification sogar beidenkbar ungeeignete Branchen angewendet werden: Banken. weFinance* verwendet Simplification und Gamification, um traditionelle Bankfilialen in moderne Point-of-Sale Räume zu verwandeln. Simplification (auf Deutsch: Vereinfachung) ermöglicht es, auf digitalen Screens ein nicht greifbares Finanzprodukt nun erfassbar zu machen, was den Kunden die Erkundung von Finanzoptionen und –angeboten ermöglicht, in dem sie diese per Fingerberührung erleben, wann und wie sie es möchten – mit oder ohne Finanzberater. Der Kunde hat die Möglichkeit, sich zwischen virtueller oder persönlicher Beratung zu entscheiden – auf Wunsch im persönlichen Beratungspod. Diese Pods können für persönliche Beratungsgespräche mit dem Berater in angenehmer Lounge-Atmosphäre genutzt werden.

Gamification kann beispielsweise auch auf Touch-Konsolen stattfinden, auf denen man eine Stadt nach verfügbaren Immobilien absuchen kann. Wenn Ahmed in die Privatkunden-Lounge seiner Bank tritt, bekommt er einen Überblick über das Gesamtangebot an Miet- und Kaufobjekten samt Vergleich, ob ein Ein-Zimmer-Apartment am Dubai Kanal bessere Erträge bringt als eine Villa auf The Palm. Hört sich vertraut an? Nein, das hier ist nicht Monopoly.

In einem Aktienanlagen-Szenario kann Ahmed virtuell gegen andere Investoren antreten und bekommt Aktienoptionen und Preise in Echtzeit. Er kann außerdem unter Verwendung seines Rangs und seiner Abzeichen abschätzen, welche Risiken und Möglichkeiten existieren, ohne jemals über seine verfügbaren finanziellen Grenzen zu gehen.

All das, samt Kundenservice über Chatbots, Warteschlangen-Management an Kassen im Supermarkt, Kameras, die Bewegungen der Kunden aufzeichnen und umwandeln, und die ewig lange und wachsende Liste an technischen Ideen und Möglichkeiten beweisen, dass der digitale Handel ein neuer Hybrid aus realer und virtueller Verkaufsfläche ist, der dem konventionellen Handel in die Zukunft antreibt mit einem Ziel: ein besseres Einkaufserlebnis für den Endkunden.

 

*WeShop und WeFinance sind digitale Handelskonzepte, die für Marken und den Finanzsektor von der Serviceplan Gruppe mit Partnern wie Cisco und Vitrashop und anderen entwickelt wurden.

Dieser Beitrag erschien in Discover ME.

„Einen Cannes Lion zu gewinnen, ist unbezahlbar.“

Till Hohmann, Managing Creative Director, Serviceplan Campaign, im Interview über die Magie von Cannes, seine Erfahrungen rund um das Kreativfestiaval und seine Rolle als deutsches Jurymitglied der Direct Lions.

Die Erfahrung eines Tages: Teilen funktioniert! Echte Freiheit und Glück rücken in greifbare Nähe

„Frei ist, wer nicht gebunden ist.“ Dieses Mantra besagt, dass echte Freiheit und Zufriedenheit ganz natürlich kommen, wenn wir unsere Hoffnungen nicht auf externe Entwicklungen und materiellen Besitz fixieren. Damit zeichnen wir uns im Gegensatz zu einem rein materiellen Dasein als menschliche Wesen aus.
Die Entwicklung der „Sharing Economy“ auf Basis der rapiden Umsetzung neuer Technologien nimmt bedeutenden Einfluss auf unser tägliches Leben und lässt dieses Mantra immer realistischer klingen. Was ich in Peking erlebt habe, war mein persönlicher Beweis dafür.

Der 3. November 2016 war ein genauso geschäftiger Tag, wie jeder andere. In meinem Tagesplan standen drei Besprechungen mit Kunden und ein Treffen mit Freunden. Die Orte dafür lagen kreuz und quer über die Stadt verteilt, vom sechsten Stadtring im Süden bis zum fünften Stadtring im Norden, und vom Kunstviertel 798 bis zum Dong Si Shi Tiao-Bezirk. Und das bei meinen bemitleidenswerten Fahrkünsten und den berüchtigten Staus in Peking! Der Frust war vorprogrammiert. Aber unser Büroleiter erwies sich als das Genie des Tages: Mit DER Mitfahr-App Chinas, Didi Zhuanche (滴滴专车), hatte er einen Wagen gebucht, so dass ich auf dem Weg von einem Ort zum anderen telefonieren und E-Mails beantworten konnte.

Die Themen der Besprechungen an diesem Tag waren inspirierend: In einer ging es um neue Ansätze zur gemeinsamen Nutzung von Automobilen und der Flottenverwaltung für Großunternehmen, bei der nächsten sprachen wir über die gemeinsame Nutzung von Finanzdaten für transparentere Bonitätsprüfungen, die einen schnelleren Kreditzugang möglich machen sollen, und in der dritten Besprechung ging es um die Optimierung der Benutzererfahrung beim Car-Sharing.

Zwischendurch gab es einen kleinen Happen in einem Restaurant, das von der beliebten Restaurantbewertungs- und Gruppenkauf-App Dianping (点评) empfohlen wurde. Nachdem die Besprechungen endlich alle bewältigt waren, traf ich mich mit Freunden in einem Hutong für ein entspanntes Abendessen. Um unserem Freund aus Übersee – Karl Krainer, dem Vordenker der GEDANKENFABRIK – etwas Besonderes zu bieten, hatten wir über einen lokalen Wettbewerber von Airbnb, Xiaozhu.com (小猪短租), einen privaten Raum gemietet. Den gut aussehenden Koch hatten wir über die private Koch-Plattform „Good Chef“ (好厨师) ausgewählt. Er hatte mit den Zutaten, die er selbst mitgebrachte, bereits zu kochen begonnen. Und so konnten vielbeschäftigte Freunde ganz ohne Stress zusammenkommen, um gemeinsam eine schöne Zeit mit Gesprächen und einem Drink zu verbringen.

Während des Abendessens lernten wir eine andere Gruppe aus Xiangtan in der Provinz Hunan kennen, die im Stockwerk über uns übernachteten. Sie hatten den Raum auch über Xiaozhu.com gemietet.  Sie waren von unserem Austausch mit dem Koch und den interessanten Gesichtern meine „Laowai“-Freunde fasziniert und suchten das Gespräch mit uns. Später forderten sie uns auf, Mah-Jongg mit ihnen zu spielen. Schnell hatten wir zehn Partien gespielt und zufällig zusammengewürfelte Menschen amüsierten sich großartig zusammen. Sie teilten natürlich Fotos von diesem unvergesslichen Abend und seinem Gewinner mit ihren Freunden zu Hause über die Super-App „WeChat“, die Facebook, Twitter und WhatsApp zusammenführt.

Die Aktivitäten des gesamten Abends wurden über die Livestream-Plattform Yizhibo (一直) verbreitet. Ich verstehe nach wie vor nicht wirklich, warum, aber dieser Stream hat ohne jede Werbung oder Ankündigung 200 Seitenabrufe und 14 Likes gesammelt. Nicht schlecht!

Auf dem Weg nach Hause fiel mir auf, dass ich den ganzen Tag lang kein Bargeld ausgegeben hatte. Bezahlt hatte ich mit meinen mobilen Zahlungskonten von WeChat Pay oder Alipay. Das machte mich nachdenklich: Muss ich wirklich ein Auto, ein Haus, zehn unterschiedliche Kochgeräte, 20 Schuhpaare, 50 Outfits und 1000 Bücher besitzen? Wären nicht zwei volle Koffer ausreichend, um den Rest meines Lebens zu gestalten? Meine Antwort lautet: Ja! Vor zehn Jahren wäre es eventuell noch schwierig gewesen, aber heute ist es möglich.

In der alten industriell geprägten Gesellschaft waren Produktivität und das Eigentum von Ausgangs- und Rohstoffen entscheidend, um Erfolg zu haben. In der Informationsgesellschaft von heute haben wir jedoch mithilfe technologischer Lösungen unsere Effizienz gesteigert und die Ressourcenverteilung optimiert. Dadurch werden individuelle und präventive Lösungen möglich.  Und deshalb müssen wir nicht mehr so viel privates Eigentum anhäufen und können mehr Ressourcen und Grundstoffe für ein besseres Leben nutzen. Dank der „Sharing Economy“ sind wir der wirklichen Freiheit einen Schritt näher gekommen.