Ist wirklich alles digital?

Zuerst einmal: Wer noch digital und klassisch und PR unterscheidet, unterscheidet lediglich Zugangswege zum Kunden. Landstraße, Brieftaube oder Megaphon sozusagen. Keine Philosophien also, keine Weltanschauungen, kein Glaubenskrieg. Botschaften interessiert es nämlich nicht, auf welchem Wege sie reisen. Und Effekte sind unabhängig vom Kanal.

Botschaften nehmen nicht unbedingt einen digitalen Weg, um sehr gut zu funktionieren. Wir denken das nur. Weil alles um uns hysterisch „digital, digital“ ruft, werden wir auch digital. Um jeden Preis. Auch wenn es so gar nicht passt. Nur, weil etwas digital ist, ist es nicht a priori auch besser.

Im Gegenteil, wenn Sie viel Geld für TV ausgeben und das mit ein paar gezielten Performance-orientierten Spitzen garnieren, durchaus auch in Print, werden Sie nach wie vor einen sehr großen Effekt erzielen.

Und all die selbsternannten Content-Päpste, die Ihnen einreden, dass Native Advertising (also Werbung, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick als Werbung erkennt) alles heilt, irren. Wer soll den Content denn finden in einer Welt, an dem jeden Tag mehr Bewegtbild hochgeladen wird als ein Mensch in einem ganzen Leben ansehen kann?

All die Digital-Lemminge vergessen, dass wir alle auch gerne einmal umworben werden. Mit Vorteilen, die wir nur als Stammkunde bekommen. In einem Brief zum Beispiel. Mit einer echten Unterschrift. Vom Chef. Persönlich. Mit Verkäufern, die sich Mühe geben, herauszufinden, was wir wirklich wollen. Mit einem exklusiven Event, zu dem nur einige wenige ausgesuchte Gäste geladen sind. Mit einem Katalog, der ganz auf den individuellen Empfänger ausgerichtet ist. Studiosus Reisen zum Beispiel wird bald viele Zehntausende Einzelkataloge drucken. Für eine Zielgruppe, die tatsächlich einfach gerne auf Papier liest. Mit Produkten, die man so nur bei Ihnen findet. Und nicht in jedem beliebigen chinesischen Webshop. Oder Produkten, die bei Ihnen tatsächlich hergestellt werden. Wie bei ADIDAS mit „Knit for you“. Im extra eröffneten Pop-Up Store konnten Kunden ihren eigenen Pullover entwerfen, der dann direkt im Laden hergestellt wurde. Oder wie bei Hèrmes aus Alt Neu machen. Muster, Farben und Designs in den Schals von gestern wurden vor Ort im Store neu gefärbt. In München alleine haben das Hunderte wahrgenommen und sich bei dieser Gelegenheit die neuen Produkte genau angeschaut. Und vielfach auch gekauft. Oder mit einer kleinen Aufmerksamkeit. Zugaben zum Kauf. Zugang zu exklusiven Events Ihrer Partner.

Denken Sie doch einmal selbstkritisch über Ihre Beziehung zum Kunden nach. Umwerben Sie? Oder werben Sie einfach? Auf eine richtige Beziehung zu Ihnen wird man sich nur einlassen, wenn man das Gefühl hat, für Sie etwas Besonderes zu sein. Das Gegenständlich-Haptische eines echten Erlebnisses mit echter Stofflichkeit schlägt oft die digitale Massenbotschaft. Bei Ihnen riecht, schmeckt und fühlt man Produkte, Atmosphäre und spricht mit Menschen statt Bots.

Und ganz wichtig, Sie sind nicht von gestern, wenn Sie an der Breitbandwirkung von digitaler Kommunikation zweifeln. Wer in Tech denkt, denkt lediglich über den Transport von Botschaften nach. Nicht notwendigerweise über die Botschaften selbst. Viel Spaß beim Umwerben. Mit den richtigen Botschaften, natürlich auch in den richtigen Kanälen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei SAZsport.

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